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Mon, May 21, 12
Interviews John Norum

John Norum

John Norum - Verscherze es Dir nicht mit den Wikingern!

Europe sind zurück und aktiver denn je. Dennoch scheint Saitenvirtuose John Norum noch immer nicht voll ausgelastet zu sein, denn im Europe-Album-Recording, -Promo- und Tourstreß fand er noch Zeit, seine mittlerweile achte Soloscheibe "Playing Backyard Blues" einzutüten. Wir hatten Gelegenheit, an einem (wie die Wochen zuvor auch) arschkalten, verregneten Tag, ein sehr entspanntes Telefonat mit dem wie immer sehr angenehmen Gesprächspartner zu führen.

Hey John! Wie geht's Dir?

Mir geht's richtig gut, die Sonne scheint, es ist tierisch heiß hier in Schweden..

Argh! Was läuft denn da bitteschön gerade falsch? Wir haben neun Grad und Regen.

Ja, das sollte eigentlich andersherum sein. Hehe. Aber ich will mich da mal nicht beschweren...

Schon klar. Naja, lenken wir uns mal ein bißchen mit Deiner neuen Scheibe ab. :-) Im Vergleich zu den Vorgängern ist sie ein wenig blueslastiger ausgefallen...

Das stimmt. Ich hab vor Jahren einen Track zu einem "Frank Marion"-Tribute-Album aufgenommen, an den Titel erinnere ich mich nicht mehr, das muß irgend etwas mit "Smoke" was auch immer gewesen sein. Das hat mir damals richtig viel Spaß gemacht und dabei ist mir auch der Gedanke gekommen, ein bluesigeres Album aufzunehmen. In der Form habe ich das zuvor ja auch noch nicht gemacht. Es war einfach an der Zeit, einmal etwas anderes zu probieren. Mit Europe decke ich ja die Hard Rock-Schiene ab, weshalb es keinen besonderen Sinn macht, das Gleiche auf meinem Soloalbum zu spielen. Ich mochte den Blues schon immer, also hab ich das Experiment gewagt.

Ein Experiment, das Dir wirklich gut gelungen ist. Aus meiner Sicht ist es eine Kombination Deiner früheren Produktionen und den Blues-Songs geworden. Denn es finden sich schon noch ein paar Nummer im klassischen John Norum-Stil auf der Scheibe.

Das sehe ich genauso. Ich habe die Range erweitert. Mal sehen, ob ich damit auch ein breiteres Publikum erreichen kann. Es halt also nicht viel mit dem alten Chicago-Blues zu tun. Ich hoffe, die Platte unterstützt Dich nicht beim Einschlafen...

John Norum

Nein, das macht sie eigentlich nicht...

Gut!

Wenn man nun die letzten Veröffentlichungsdaten Revue passieren läßt, stellt man fest, daß immer auf ein Europe-Album ein Solo-Album im Jahr darauf folgte. Da liegt die Vermutung natürlich nahe, daß Du am Ende der Europe-Sessions einfach noch ein bißchen länger im Studio verweilst, um Deine Soloscheibe einzuspielen.

Stimmt, der Verdacht drängt sich auf. Tatsächlich war es jedoch so, daß ich aufgrund eines schweren Schicksalsschlages innerhalb meiner Familie erst einmal nicht in der Lage war, Musik für meine Solo-Scheiben zu schreiben. Das war alles eine Zeit lang auf Eis gelegt. Mittlerweile plane ich aber schon die nächste Solo-Platte. Im Sommer stehen jetzt erstmal die Festival-Shows mit Europe an. Danach werden wir im Herbst bereits mit dem Schreiben des neuen Albums beginnen, welches dann in 2011 eingespielt werden soll. In etwa zur selben Zeit möchte ich auch meinen nächsten Alleingang aufnehmen. Huh - da ist ja wirklich ein Muster erkennbar. Haha.

Das ist auf jeden Fall eine sehr effiziente Arbeitsweise.

Das stimmt. Bei Europe ist das Ganze ziemlich gut strukturiert. Wir haben Deadlines, die Maschinerie kommt langsam wieder ins Rollen. Die Solo-Sachen sind dann doch wesentlich entspannter. Ich kann ins Studio gehen, wann immer ich möchte. Das ist der große Fun-Faktor dabei: Einfach ohne jeden Druck komponieren und aufnehmen zu können. Hm - wann immer die Sonne im richtigen Punkt steht... Hehe

Gesetzt den Fall, Ihr habt Sonne zu dem Zeitpunkt...

Stimmt. Wenn ich's mir recht überlege, dürfte es dann sogar eher dunkel in Schweden sein. Sehr dunkel.

Weshalb Du im Winter auch in L.A. wohnst.

Das mache ich seit Jahren so. :-)

Wer ist eigentlich der kleine Junge, der auf dem Cover mit der Mini-E-Gitarre an Deiner Seite spielt?

Das ist mein Sohn. Er ist ein toller Gitarrist und das schon mit seinen 5 1/2 Jahren. Er hat schon eine kleine Auswahl an Gitarren, mit denen er es liebt zu üben. Sein absoluter Favorit ist aber die Mini-Les-Paul, die er auch auf dem Foto spielt. Ich habe die Gitarre auf Tour in Japan von einem Fan bekommen und ihm weiter gegeben. Er ist davon total begeistert und gibt sie kaum noch aus der Hand. Er hat die Musik einfach im Blut, von seiner Mom und seinem Daddy. Ich hoffe, er bleibt am Ball.

Die Mini-Gitarre funktioniert tatsächlich?

Na klar! Sie klingt toll. Wenn Du genau hinsiehst, kannst Du das kleine schwarze Ding am Hals erkennen, wo normalerweise ein Pickup sitzt. Das ist ein kleiner Lautsprecher, der mit Batterien betrieben wird. Man kann sie auch an einen echten Verstärker anschließen und sie klingt wirklich nicht schlecht. Doch wenn er im Haus irgendwo unterwegs ist und spielen möchte, drückt er einfach einen Knopf und kann sich völlig frei bewegen.

Wenn das Cover schon sehr persönlich ausgefallen ist, dann kann ich davon ausgehen, daß es die Texte des Albums ebenfalls sein werden, oder?

Ja, das sind sie in der Tat. Es geht viel um Beziehungen, die auseinanderbrechen. Das klingt jetzt vielleicht etwas kitschig, doch ich hatte eine wirklich harte Zeit, die ich in den letzten Jahren privat durchmachen mußte. Natürlich kommen auch andere Themen zum Tragen, doch es ist immer eine gewisse Aufarbeitung von Dingen, die mir widerfahren sind.

Bei bedeutungsschwangeren Texten über harte Zeiten ist der Blues sicher die richtige akustische Wahl gewesen.

Ja, damit kann man sich wirklich gut ausdrücken. Der zweite Song "Red Lights Green Heights" zum Beispiel dreht sich um den Rotlichtbereich in Amsterdam und wie dich beides, Rotlicht und Coffeeshops, langsam aber sicher runterziehen können. Es geht im Prinzip um eine Reise von Schweden nach Amsterdam, die nicht so gut ausgeht...

Reisen ist ein gutes Stichwort. Wenn Du mit der Europe-Reise fertig bist, stehen dann evtl. ein paar Solo-Shows auf dem Plan?

Geplant ist noch nichts, aber ich würde schon gern ein paar Gigs spielen. Wir haben allein in Schweden zehn Festivals zu spielen. Danach Norwegen, UK, Dänemark, Finnland...

John Norum

Aber noch keine Termine im Rest von Europa...

Wir sind noch nicht komplett durchgebucht. Es kommen immer noch Termine rein und wir hoffen schon, auch bei einigen Festivals in Deutschland vorbei zu schauen.

Im vergangenen Jahr habt Ihr beim Masters Of Rock ja ziemlich eingeschlagen.

Das war ein wirklich großartiger Abend, einer dieser seltenen Momente, wo wirklich alles perfekt war. Wir waren glücklich, die Fans waren unglaublich, die ganze Organisation war super. Die Chemie in der Band hat an dem Tag super gestimmt - das ist nicht immer so, aber da war einfach alles harmonisch! Wer ist da eigentlich dieses Jahr Headliner?

Manowar, Queensryche...

Oh Gott - Manowar. Das ist ja mittlerweile nichts anderes mehr, als Spinal Tap. Hahaha. Aber Queensryche sind wirklich gut, die Jungs haben echte Klasse. Ich mag die intelligente Art des Rock und Metal, wie ihn Queensryche spielen. Mit "Stupid Rock" kann ich dagegen gar nichts anfangen - haha.

Gehen wir ein paar Schritte zurück in der Zeit: Als Du Europe 1986 verlassen hattest, bist Du nach sieben Jahren harter Arbeit und drei Alben in dem Moment gegangen, als die Rakete komplett durch die Decke ging. Was hat Dich da eigentlich geritten??

Zu dem Zeitpunkt war mir der Sound einfach zu keyboardlastig und kitschig. Ich war sehr zufrieden mit den ersten beiden Alben in musikalischer Hinsicht. Die Produktion der ersten war furchtbar, weil wir ja auch keine Ahnung hatte, wie man ein Album produziert. Die zweite war klanglich eigentlich ok. Musikalisch war das eher meine Richtung, weil es noch Gitarren-orientierter war. Mit "Final Countdown" kamen die Keyboards dann zu sehr zum Tragen und wir mutierten zu einer Bon Jovi-artigen Band, was ich ganz fürchterlich fand. Wir waren so eine Teenager-Kaugummi-Band, die auf den Covers von Bravo & Co zu finden waren. Das war nun absolut nicht mein Ding - allein schon das ganze Haarspray. Fürchterlich!

Dann kamst Du zurück und Europe klingen, als wäre alles ab "Final Countdown" nie geschehen. In meinen Augen ist "Start From The Dark" der legitime Nachfolger von "Wings Of Tomorrow".

Ja, das sehe ich exakt genau so! Wir haben es irgendwie geschafft, unsere Wurzeln zu finden, die Keyboards weitgehend zurück zu fahren und dennoch einen ziemlich modernen Approach zu erzielen. Die Platte ist sehr düster ausgefallen und definitiv unser bislang härtestes Album geworden.

War das nicht riskant? Der sichere Weg wäre gewesen, "The Final Countdown Pt. 2" aufzunehmen, dann aber wahrscheinlich ohne Dich...

Ganz sicher wäre ich da nicht mit aufgesprungen! Das wäre auch wirklich dumm gewesen, so etwas zu wiederholen. Wir wollten einfach wieder sehr viel Rock-orientierter klingen. Das war letztendlich auch der Grund, weshalb ich wieder eingestiegen bin.

Wie war es eigentlich, wieder komplett klein anzufangen? Ich stelle es mir sehr schwer vor, wenn man sieht, vor welchen Kulissen Ihr in den 80ern spielen konntet, dann jetzt in Clubs mit 900 Leuten zu spielen…

John Norum

Nein, gar nicht. Ich denke über so etwas überhaupt nicht nach und es ist mir völlig egal, ob ich vor 900 oder 90.000 Leuten spiele. Ich spiele auch gern in einer Bar, das kann auch eine Menge Spaß machen. Ich mache mir über Zuschauerzahlen absolut keine Gedanken. Wir waren ja im Frühjahr hier in Deutschland zusammen mit Gotthard unterwegs. Da sind wir dann in größeren Hallen aufgetreten. Wir haben uns an die Tour gehängt, weil wir endlich wieder in Deutschland einem größeren Publikum auffallen wollten. Wir wollten zeigen, daß wir wirklich voll und ganz zurück sind und nicht so eine kurzfristige Comeback-Sache sind. Die Fans scheinen heutzutage ein wenig langsamer zu schalten, als in den 80ern. Es prasselt die ganze Zeit über so viel auf einen ein, die ganzen Trends kommen und gehen, da ist es sehr schwer, aufzufallen. Man muß heute als Band etwas härter arbeiten. Es hat uns allein fünf Jahre gekostet, um in unserer Heimat Schweden überhaupt wieder wahrgenommen zu werden! Die Leute kommen immer noch und sagen "Was, Ihr seid endlich wieder zusammen?" Da frage ich mich schon, wozu wir hunderte Gigs allein dort gespielt haben. :-) Inzwischen sind wir aber angekommen, waren mit "Last Look At Eden" auf Platz 1 in den Charts und haben eine goldene Schallplatte erhalten. Nun müssen wir sehen, daß wir den Rest der Welt auch überzeugen können.

Wie war die Tour mit Gotthard eigentlich an sich für Euch? Ich hätte mir schon gewünscht, daß sie Euch in Fürth ein paar Minuten mehr Zeit gegeben hätten.

Die Zeit hatten wir zu Beginn der Tour auch. Ich mag die Band wirklich, sehr nette Jungs und eine tolle Band, trotzdem haben wir sie jede Nacht an die Wand gespielt. Das hat ihnen wohl ein wenig Angst gemacht und wir mußten den Set von einer Stunde auf 45 Minuten kürzen. Naja - so läuft es halt. :-) Wir waren in den letzten Jahren mit einer Menge cooler Bands unterwegs, ZZ Top, Whitesnake, Deep Purple - aber irgendwie haben wir sie mit unserer Energie wohl alle etwas verschreckt. Für unser Alter sind wir noch ganz fit und haben eine Menge Spaß auf der Bühne. Das liegt sicher daran, daß wir alles Wikinger sind. Verscherze es dir nicht mit den Wikingern! Hehehe.

Das würde ich niemals tun. Was wäre nun die beste Reaktion? Soll ich vielleicht "Odin" brüllen?

Ja, das wäre angemessen. Bitte.

Oooodiiin....!!!

Ja, danke! Das war sehr schön...


Band-Homepage:         www.johnnorum.se
Interview & Text:           Ingo

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