
Before The Dawn / Black Sun Aeon - A Workaholic's Portrait
Nach einigen Anläufen und terminlichen Unvorhersehbarkeiten habe ich es tatsächlich geschafft, das derzeit wohl umtriebigste Arbeitstier der europäischen Metal-Szene ans Telefon zu zerren: Toumas Saukkonen, Sänger, Songwriter, Producer, Gitarrist, Keyboarder und Schlagzeuger in Personalunion, der zuletzt vor allem durch seine beiden Projekte BEFORE THE DAWN und BLACK SUN AEON mit beeindruckenden Releases zu begeistern wußte. Wer denkt, daß der Gute damit eigentlich genügend ausgelastet sein sollte, der darf sich im Folgenden gern eines Besseren belehren lassen.
Guten Abend, Ingo! Schön, daß es endlich mit uns klappt. Ich bin mir sicher, irgendwelche Götter haben etwas gegen uns, aber denen haben wir nun ein Schnäppchen geschlagen! :-)
Gut Ding will eben Weile haben. Ich blättere gerade durch das Booklet der neuen Black Sun Aeon-CD und stelle fest, daß außer Dir kein anderer Musiker (vom zweiten Sänger abgesehen) beteiligt ist. Du hast tatsächlich alle Instrumente selbst eingespielt? Warum gibst Du Dir diesen Streß und wie um alles in der Welt schaffst Du es, die Instrumente auch noch auf so hohem Niveau zu beherrschen?Es ist für mich wesentlich einfacher, das im Alleingang aufzunehmen. BSA ist ein echtes Solo-Projekt. Ich brauche einfach ein Projekt, bei dem ich einfach machen kann, worauf ich Lust habe. Es würde mich außerdem zu viel Zeit kosten, erst anderen Musikern zu erklären, wie ich möchte, daß das Album und die Instrumente klingen. Da bin ich einfach wesentlich schneller, wenn ich es selbst aufnehme. Und schnell muß ich wirklich sein, sonst komme ich mit meinen ganzen Projekten zeitlich nicht hin. Ich spiele jedes Instrument seit mindestens 15 Jahren und ich versuche mich jedes Jahr an jedem Instrument ein wenig zu verbessern. Wenn man wie ich die letzten fünf Jahre zusätzlich als Produzent arbeitet, bekommt man eine andere Sichtweise auf die Dinge und erkennt, was im Sound wichtig ist und was nicht. Man erkennt, daß man nicht der Schnellste an der Gitarre sein muß, sondern lernt, was zu tun ist, um sie so gut wie möglich klingen zu lassen. Ich will niemanden durch mein Spielen beeindrucken, sondern gut klingende Musik produzieren.
Wie viele Stunden übst Du am Tag oder bist Du einfach mit zu viel Talent gesegnet?Ich übe wann immer ich Zeit habe. Nur scheint irgend etwas mit der ganzen Zeitschiene schief zu laufen. Mal ehrlich - 24 Stunden pro Tag? Das kann doch für niemanden im Leben genug sein! Schau dir nur die letzten Wochen an: Ich arbeite 16 Stunden am Tag als Gärtner, mußte noch an einer anderen Scheibe arbeiten, und in der kommenden Woche geht es erst einmal nach Asien, um dort zu spielen. Eigentlich wollte ich letzte Woche wieder etwas an meinem Drumming arbeiten - nur wann hätte ich das bitteschön noch einbauen sollen? Insofern muß ich mich im Moment auf die Fähigkeiten verlassen, die ich mir über die Jahre angeeignet habe. Ich war zum Glück schon ein sehr fleißiges Kind, das die ganze Zeit geübt hat. Wenn komplizierte Projekte anstehen, versuche ich mich vor dem Gang ins Studio entsprechend weiter zu verbessern, weil ich es hasse, im Studio an meine Grenzen zu stoßen. Das hat schon einige Gitarren-Leben beendet... Wenn ich eine Melodie im Kopf habe und meine Finger nicht in der Lage sind, diese umzusetzen, muß ich etwas verletzen. Ich brauche den Sound-Menschen, also kann ich den schlecht verletzen. Ich brauche mich selbst auch, weshalb ich mich selbst auch nicht verletzen kann. Den Computer und die Festplatten brauchen wir auch. Aber ich habe immer mehr, als eine Gitarre... Jeder hat einen Schwachpunkt - das ist meiner! :-)

Aber hoffentlich nicht die neuen Modelle, die ich auf Deiner Facebook-Seite gesehen habe?Nein, das wäre zu teuer. Davon kostet eine um die 3.000 Euro. Nein. Selbst die Flying-V, die ich einst auf der Bühne zerlegt habe, war nur eine Epiphone, keine Gibson. Ich halte meinen Zorn unter finanzieller Kontrolle. Wobei - eine Flying-V ist eine ziemlich cool aussehende Gitarre. So eine sollte man nicht kaputt machen. Wenn ich irgendwann mal sterbe, dann dürfte das das größte Problem an der Himmelspforte für mich werden. Hoffentlich ist Gott kein Rocker... "Du hattest ein sehr gutes Leben mein Sohn, doch verflucht, was hast Du Dir bei der Flying-V gedacht!!?" Hehe.
Nimmst Du eigentlich in Deinem eigenen Studio auf oder mußt Du das jedesmal komplett zahlen?Ich nehme zum Glück in dem Studio auf, das der Firma gehört, für die ich arbeite. D.h. für das Studio an sich zahle ich nichts, aber für den Mann am Mischpult. Das ist etwas, worauf ich überhaupt keine Lust habe. Ich mag nicht der Typ sein, der die Knöpfe drückt. Außerdem sind eigentlich alle meine Freunde irgendwie mit der Musik verbunden, d.h. unsere soziale Interaktion findet weitgehend im Studio beim Musizieren statt. Deshalb hab ich auch keinerlei Intention, das zu lernen - sonst sehe ich meine Freunde ja gar nicht mehr. Außerdem ist es besser, nicht allein zu sein, wenn es Probleme gibt - und glaube mir, es gibt immer Probleme. Ich mußte zum Beispiel beim aktuellen Black Sun Aeon-Album alle Leadgitarren zweimal aufnehmen. Am Tag, als wir fertig waren, steht der Sound-Mensch plötzlich vor mir und sagt: "Wir haben ein Problem" Die Soundfiles waren komplett unbrauchbar wegen eines Festplattenfehlers. Du kannst Dir vorstellen, daß das richtig nervt. Danach hab ich wieder einmal eine Gitarre verloren...

Wie hat sich Before The Dawn eigentlich von dem Solo-Projekt der Anfangstage zu der Band, die es nun ist, entwickelt?Before The Dawn an sich war eigentlich ein Unfall. Zu der Zeit war ich Drummer in einer Rockband und hatte aber einige Metal-Songs fertig geschrieben. Ich hatte ein paar Freunde, die in einem sehr günstigen Studio arbeiteten. Dort haben wir die paar Songs dann aufgenommen. Daraus ist die Idee entstanden, die Songs live zu spielen, und aus dieser Konstellation ist dann die Band entstanden. Geplant war das nicht - alles hat sich einfach so ergeben.
Auf einigen Facebook-Posts habe ich gesehen, daß Du auch gern Kombi-Shows von Before The Dawn und Black Sun Aeon in Finnland spielst. Eine Konstellation, die ich mir auch sehr gerne einmal ansehen würde. Die Gelegenheit bekommst Du im Juli. Da spielen wir eine Doppelshow in Zürich. Das ist gerade ganz frisch bestätigt worden. Da beide Bands sehr lange Shows spielen werden, sollte sich das auch lohnen. Nicht wie beim Summer Breeze, wo wir auch mit beiden Bands spielten, aber jeweils nur 30 Minuten hatten, was bei fünf- bis sechs-minütigen Songs nun nicht viel Spielraum läßt. Im Herbst werden wir wieder mit Before The Dawn auf Tour gehen und sicher auch in Deutschland vorbei schauen. Davor muß ich zusehen, daß ich über den Sommer die ganze Studio-Arbeit auf die Reihe bekomme, womit wir wieder beim leidigen Zeitthema wären. 30 Stunden wäre doch ein toller Tag - außerdem gibt es in einem Jahr viel zu wenige Wochen. 52 - was soll das?? Das sind viel zu wenige Wochenenden. Ich würde 75 Wochen vorschlagen bei gleicher Wochenlänge. Dann hätte ich genug Zeit aufzunehmen und alle Gigs, die ich gern spielen würde, zu spielen. 52 Wochenenden ist einfach zu wenig um mit allen vier Bands entsprechend zu spielen. Ein befreundeter Promoter hat mir ein "Ich"-Festival angeboten, bei dem dann mein Name drüber steht und alle meine Bands spielen. Doch das wäre mir wieder zuviel Aufmerksamkeit. Ich mag es nicht, so im Rampenlicht zu stehen.
Bei all Deinen Unternehmungen dürfte dieses Unterfangen nicht von Erfolg gekrönt sein, also NICHT im Rampenlicht zu stehen...Ich versuche da trotzdem so gut es geht nicht im Mittelpunkt zu stehen. Praktisch bei den vier Bands ist, daß die Bookings komplett über meine eigene Booking-Agentur laufen. Das macht die Koordination einfacher.

Ah, eine eigene Agentur hast Du auch noch?Ja. Aber nur für meine eigenen Bands.
Laß uns mal zusammenfassen: Du arbeitest als Stage-Manager, Studio-Produzent, hast 4 Bands und betreibst Deine eigene Booking-Agentur. Wie schaffst Du das?Ich bin ganz gut in Sachen Zeiteinteilung. Im Hauptberuf arbeite ich ja als Gärtner. Ich bin auch gerade auf dem Heimweg vom Arbeiten. Da die Fahrt nun 1,5 Stunden dauert, habe ich unser Interview auf diesen Zeitpunkt gelegt. So nutze ist die Fahrt wieder sinnvoll. So koordiniere ich eigentlich immer alles, auch die Termine und Besprechungen, die ich für mein kleines Label, das ich nebenbei betreibe, vereinbare. Alles läuft übers Telefon - ich bin ein sehr großer Handy-Fan. :-) Im Transporter, mit dem wir zu unseren Gärtner-Aufträgen fahren, habe ich immer meine Doublebass-Pedale und Drumsticks dabei - so kann ich während der Fahrten üben. In der Mittagspause sitze ich meist mit dem Laptop da und erledige den Schreibkram für die Bookings. Es ist ganz einfach, wenn man den Tag effizient plant, Handy und mobiles Internet hat. Ich arbeite eigentlich nicht so viel - es ist nicht so, daß ich ein Workaholic bin.
Nein, nein, ist klar, bist Du nicht...Hahaha. Das Gärtnern ist ein sehr guter Ausgleich zum Musikbiz und es hilft mir dabei, das Ganze zu finanzieren. Von irgendwo muß ja auch Kohle reinkommen.
Und wann trainierst Du? Dein breites Kreuz kommt doch nicht von ungefähr. Wann trainierst Du - im Schlaf??Naja - die letzten sieben Wochen habe ich kaum trainiert. Das wird sich aber schon bald wieder ändern.
Wie viele Stunden schläfst Du pro Nacht - eine?Haha - nein. Mindestens sechs. Ich hätte so gern mein eigenes Stargate. Das würde mir so viele Freiräume schaffen. Jetzt hocke ich wieder 1,5 Stunden im Auto, um nach Hause zu kommen. Ein eigenes Stargate wäre schon toll...

Was wirst Du bei BTD und BSA als nächstes anstellen?Im Oktober kommt die neue BTD-EP, die als Bonus eine DVD enthalten wird, auf der der komplette Summer Breeze-Gig, ein paar Wacken-Tracks und Material von den anstehenden Shows in Asien und mindestens zehn Livetracks, ein paar Videoclips und Bonusmaterial enthalten sein werden. Das wird ein Deutschland-exklusives Package werden, das mit Sicherheit eine Menge Spaß machen wird. Das neue BSA-Album ist dann für Februar 2011 angedacht, so daß wir danach die ganzen großen Festivals spielen können.
Und mit Sicherheit werden dann auch wirklich ALLE Festivals gespielt, halbe Sachen scheint Herr Saukkonen jedenfalls nicht zu machen.
Band-Homepages:
www.beforethedawn.com
www.blacksunaeon.comInterview & Text:
Ingo