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Mon, May 21, 12
Interviews Indica

Indica

Indica - Der schokoladige Schlüssel des Lebens

Es waren einmal fünf hübsche finnische Mädchen in einem Jugendorchester. Die beschlossen in jungen Jahren eine All-Girl-Band zu gründen und fortan zusätzlich zu den klassischen erlernten Instrumenten auch moderne elektrische zu verwenden. Einige Jahre später standen die mittlerweile jungen Frauen mit einem Plattenvertrag in der Tasche im Rampenlicht, denn ihr erstes Werk „Ikuinen Virta“ in 2004 schlug in der Heimat ein wie eine Bombe und wurde mit Platin veredelt. Fortan wurden noch drei weitere Perlen auf den finnischen Markt gebracht, die allesamt erfolgreich waren und Indica zu einem Pop Rock Act der Oberliga werden ließen. Als Nightwish-Kopf und –Songwriter Tuomas Holopainen die Gruppe entdeckte, orakelte er ihr einen noch größeren Erfolg über die Grenzen Finnlands hinaus und nahm sie als Support mit auf Tour. Dadurch wurde das Label Nuclear Blast, das auch Nightwish unter Vertrag hat, auf die Band aufmerksam und kaum hat man sich versehen, ward der neue Bund geschlossen und Indica wurden zum Chefthema bei den Württembergern.

Eigentlich sollten wir die Mädels ursprünglich bei einem Label-Showcase interviewen, was uns vom isländischen „Aschloch“, dem Spielverderber-Vulkan, vermiest wurde. Doch dann fanden wir, kurz vor ihrem Auftritt beim Rock im Park, ein paar Minuten Zeit, um Jonsu (Gesang, Violine, Gitarre, Keyboard), Heini (Bass, Gesang, Keyboard), Sirku (Keyboard, Gesang, Klarinette), Jenny (Gitarre, Gesang) und Laura (Schlagzeug) persönlich kennenzulernen und gleich ein paar Fragen zu stellen, die uns spontan einfielen, bevor wir einen entspannten zweiten Teil der Unterhaltung dann später per Telefon fortführten. Doch zuerst live im Dressingroom auf RiP…

Warum glaubt Ihr, hatte Nuclear Blast, als das führende Metal-Label weltweit, Interesse an einer Pop-Rock Band wie Ihr es seid?

Jonsu: Naja, Du mußt wissen, wir hatten ihnen 1 Million Euro geboten, wenn sie uns nehmen – sie konnten also gar nicht anders! Hehe! Nein, ich mache natürlich nur Spaß…

Also wenn Ihr so viel Geld hättet, wäre damit auch locker ein eigenes Label mit umfassenden Marketingmaßnahmen drin gewesen! ;o)

Jonsu: Auch wieder wahr! ;-) Nein, es war so, daß sie uns bei einigen Shows als Support von Nightwish gesehen hatten und für uns wohl einen Faible entwickeln konnten. Wir hatten zuvor mit Sony Music Finnland gearbeitet, aber als wir sahen, mit welcher Hingabe Nuclear Blast arbeiten, dachten wir uns, wir seien hier gut aufgehoben. Und das sind wir. Zumindest sind wir recht zufrieden bis jetzt.

Indica

Euer fünftes Album „A Way Away“ ist das erste englischsprachige Eurer Diskographie. Warum der Wechsel? Ihr konntet Euch mit den finnischen Texten der letzten Scheiben über Erfolg kaum beschweren.

Heini: Nach acht Jahren Touren in Finnland wollten wir unseren Betätigungsradius erweitern und dachten, das wäre eine passende Gelegenheit, zu Englisch zu wechseln, was ebenso eine Herausforderung für uns darstellte - aber wir stehen auf Herausforderungen! ;-)

Jonsu: Außerdem verstehen uns dann zumindest ein paar Leute mehr, wenn wir in Skandinavien oder irgendwo anders in Europa auftreten. Abgesehen davon hatten wir zu Beginn unserer Karriere auch schon ein paar englischsprachige Titel im Repertoire, also ist es nicht ganz sooo neu anzusehen… ;-)

Haben sich die von Euch üblicherweise eingesetzten Instrumente bei den Songs auf „A Way Away“ mit dem Sprachwechsel ebenso verändert?

Jenny: Einige der Songs auf diesem Album sind schon sehr, sehr alt. Sie stammen noch aus Zeiten, als wir 18 oder 20 Jahre alt waren. Wir haben sie aufgegriffen, da sie uns noch immer gefielen und sie komplett umarrangiert.

Jonsu: Es wurden auch zusätzlich Chöre und orchestrale Teile inkludiert, die zuvor nicht enthalten waren. Wir sind jedenfalls sehr stolz auf die Scheibe und finden, daß sie definitiv das Beste ist, was wir bislang geschaffen haben.

Ich bin auch sehr angetan, was Du übrigens auch in meiner Kritik lesen kannst [ich reiche ihr die Ausgabe und zeige das Review]…

Jonsu: Was steht da? Ich kann es nicht lesen… Oh! Aber die Bewertung kann ich sehen! [Jenny, die deutsch kann, übersetzt Jonsu die Zeilen] Ahh, thank you Darling! Das ist ja lieb von Dir!

Jederzeit gerne! Wer gut ist, hat Lob verdient! ;-) Was erwartet Ihr nun vom Einstieg in den kompletten europäischen Markt?

Heini: Touren, Touren, Touren! Wir lieben es im Tourbus abzuhängen und jeden Abend aufzutreten. Das ist genau das, was wir wollen und auch vorhaben zu erreichen.

Laura: Das Feedback war bis jetzt großartig. Ich hoffe, das wird sich auf unserer kommenden Europa-Tournee, die im Oktober starten wird, auch live bemerkbar machen.

Indica

Es sind ja ein „paar“ zusätzliche Musiker auf dem Album zu hören – ich spreche natürlich die orchestralen Teile in vielen Songs wie „Islands Of Lights“, „Children Of Frost“ oder Eerie Eden“ an…

Jonsu: Ja, das kann man sagen, daß da ein „paar“ Musiker etwas beigetragen haben! ;-) Die Teile wurden in London in den AIR-Studios vom 40 Mann starken London Philharmonic Orchestra aufgenommen. Und Du mußt wissen, das Studio liegt in einem riesigen Komplex, der früher einmal eine Kirche war. Und wir saßen da, in dieser Kirchenaula und lauschten den Arrangements des Orchesters, die zu unseren Songs komponiert wurden  - es war einfach fantastisch! Wir hatten alle Tränen in den Augen, so schön und ergreifend war es.
Das war der spirituellste Moment in meinem Leben!

„Spirituell“ ist ein gutes Stichwort… Finnland ist für seine Spiritualität und tiefe Melancholie bekannt. Beides ist auch in Eurem Sound zu entdecken. Habt Ihr das Gefühl oder die Erfahrung machen können, daß Ihr damit auch eine bestimmte Kategorie von Menschen besonders ansprecht, die für diese Stimmungen mehr empfänglich ist?

Heini: Hmm. Das ist eine schwierige Frage!

Jonsu: Ich für meinen Teil konnte bislang nicht feststellen, daß es eine spezielle Gruppe von Leuten gibt, die mit unserer Musik besonders viel anfangen können. Wir hatten schon Zuschauer vom dreijährigen Kind bis zur 90jährigen Oma.

Ok, die zählen dann nicht ganz in ein und die selbe Kategorie! ;-) Aber sag mir doch mal, woher eigentlich diese Melancholie herrührt?

Jonsu: Weißt Du, komm einfach mal für einen Winter lang nach Finnland, dann weißt Du woher sie kommt! Hahaha!!

Da die Mädels sich für ihren Auftritt bei RiP vorbereiten mußten, vereinbarte ich mit Jonsu, daß wir uns einige Tage später nochmal zusammenrufen wollten, was wir auch taten…

Hallo Jonsu! Hast Du das stressige RiP/RaR-Wochenende gut überstanden?

Oh ja, danke! Wir hatten inzwischen schon wieder weitere Auftritte und ein paar Akustikshows… es geht momentan wirklich die Post ab!

Nun, das ist der Job – Du hättest ja auch Bürokauffrau werden können, hihi!

Nein, nein, ich wollte ja immer Musikerin werden und jetzt bin ich es… es ist anstrengend aber ich liebe es!

Laß uns mal komplett in die Vergangenheit reisen und erzähl mir mal, wie Du auf die Idee kamst, eine Pop Rock Girlband zu gründen.

Als ich 13 Jahre alt war hatte ich plötzlich mehr Interesse an Pink Floyd und anderen Prog Rock Gruppen gefunden, als daran immer nur Chopin zu hören und Klavier zu üben. Ich wollte dann auch andere Instrumente lernen und ging in ein Jugendorchester, wo ich dann die anderen Mädels kennenlernte. Eines Tages, als ich mit meinen Eltern auf Fuerteventura Urlaub machte und mir langweiliger nicht hätte sein können, träumte ich vor mich hin, eine Band zu haben. Als ich dann wieder zuhause war, unterbreitete ich meine Idee den anderen und los ging´s! Natürlich brauchte das Ganze einige Jahre, um vom puren Enthusiasmus zur Ernsthaftigkeit des Musikmachens zu reifen. Früher hatten wir den Antrieb eigene Musik zu machen, heute ist es der Wille, etwas zu erschaffen, womit man die musikalische Welt bereichern und Menschen damit glücklich machen kann.

Und wann und wo war der Punkt erreicht, wo es mit meßbarem Erfolg bei Indica begann?

Das war eigentlich nach dem Release unserer ersten CD „Ikuinen Virta“, wo Laura meinte, wenn wir über 200 Alben verkaufen sollten, würden wir eine riesige Party schmeißen und die Nacht durchfeiern! Wir hatten ja keine Ahnung, was uns erwarten sollte… für über 32.000 verkauften Einheiten erhielten wir Platin und spielten danach einige hundert Shows in Finnland.

Indica

Auch die neue Platte hatte kürzlich einen beachtlichen Chart-Einstieg auf Platz 8 in Finnland. Es sieht wohl so aus, als gäbe es keine beleidigten Pappenheimer, ob des Sprachwandels…?

Nein, anscheinend nicht. Aber es hat sich ja nicht nur die Sprache geändert, sondern die komplette Musik ist anders, voluminöser, ausgearbeiteter und reicher an Erfahrung. Ich glaube sogar, daß es nicht mal so sehr auffällt, daß wir nun englisch statt finnisch singen. Die Veränderung bezieht sich insgesamt auf unseren Sound, weshalb die Sprachkomponente alleine dabei nicht so sehr ins Gewicht fällt.

Obwohl Ihr wie gesagt eigentlich nicht besonders „harte“ Musik fabriziert, ist das Interesse an Euch – wofür sicher auch Euer Label verantwortlich zeichnet – auch seitens der metallischen Fachpresse – wie auch an uns erkennbar – enorm gestiegen. Welche Stimmen konnten bislang vernommen werden?

Sehr unterschiedliche… aber glücklicherweise zum größten Teil positive. Erst vor kurzem hatte ich eine Kritik gelesen, dessen Rezensent wohl nicht ganz so von uns angetan war. Er schrieb: „Wenn du in die Hölle fährst, wirst du dort Indica hören – und Indica wird dich zuerst dort hinbringen!“ Ich mußte so lachen, als ich das las. Aber nachdem wir im letzten slowenischen Playboy vier von fünf „Bunnies“ für das Album erhielten, sind wir wohl endgültig in die obersten Kreise aufgestiegen und rangieren nun jenseits jeglicher Unkenrufe! Hihihi!! ;-)

Fehlt nur noch, daß Ihr zum Shooting eingeladen werdet! ;o)

Oh ja, das fehlte noch!! Haha!! ;o)

Hattet Ihr jemals gedacht, daß so viele Rocker und Metaler nun auf Euch abfahren könnten, bzw. hattet Ihr ursprünglich ein anderes Publikum im Auge?

Wir hatten tatsächlich nie vermutet, daß wir mit unserer Musik auch diese Zuhörer erreichen könnten, aber wir freuen uns natürlich, daß die unterschiedlichsten Hörerschaften Gefallen an uns finden. Das hat sicher auch mit dem Support für Nightwish viel zu tun. Die Hauptsache ist, daß unsere Musik den Leuten etwas gibt und da kann man nicht in Sparten denken.

Was glaubst Du ist der Schlüssel zu Indica, warum finden so viele verschiedene Musikhörer den Weg zu Euch?

Puh… ich kann Dir nur sagen, daß ich die Musik mache, die ich selbst gerne hören würde und dabei so ehrlich bin, wie ich kann. Musik ist generell ein Schlüssel, der dir helfen kann, wenn du down bist oder der dich beflügelt, wenn du gut drauf bist. Anscheinend haben wir irgendetwas davon in unserer Musik, sodaß die Leute sich angesprochen fühlen. ;-)

Und jedem, der von Euch noch nichts gehört hat, würdest Du Indica wie erklären?

Indica ist eine Band, die musikalische Stile wie Rock, Klassik und orchestrale Soundtracks verschmelzen läßt, dabei stets melodisch und auch ein bißchen melancholisch ist, aber immer mit einer starken Hoffnung auf dem richtigen Weg bleibt.

Ich habe auf Eurer Homepage in Deinen biographischen Fakten gelesen, daß Du besonders gerne Fantasy-Filme siehst und –Romane liest. Spiegelt sich dieser Phantasie-Gusto auch in Deinen Texten wider?

Es mag vielleicht ein wenig danach klingen, aber ich schreibe eigentlich am liebsten über reale Dinge. Schnulzige Themen und Zeilen wie „baby I love you“ interessieren mich genauso wenig wie utopische à la „in a galaxy far, far away“. Was mich in meinem Leben beschäftigt, fließt auch in meine Lyrics und das kann dann nur etwas Echtes, Irdisches sein. Da ich auch ein großer Fan von Poesie bin, habe ich eher diese Art von Schreibstil für mich adaptiert, weshalb manche Texte etwas phantastisch klingen mögen.

Du bist also ein grundsolider, realitätsbewußter, geerdeter Mensch?

Indica

Ich selbst würde mich schon so bezeichnen, wenn auch meine Kolleginnen vielleicht an dieser Stelle etwas anderes sagen würden, hehe… Ich glaube, man muß sich beide Seiten in einem gesunden Maß erhalten. Wer alles nur noch realistisch sieht, wird irgendwann zum unliebsamen Zyniker und wer zu sehr ins Reich der Phantasie abdriftet, kommt im Leben nicht wirklich zurecht – dafür ist es einfach zu hart und ja, zu real! Ich bin auch überzeugt, daß man seine Fehler im Leben machen muß, um daraus zu lernen und sich zu entwickeln. Viele Menschen lassen sich davon aber zu sehr herunterziehen, was auch irgendwie eine Art Realitätsverlust zeigt. Shit happens!

Das weiß man spätestens seit Forrest Gump, nicht wahr? ;-)

Oh ja, wie war das mit der Schokoladenschachtel nochmal? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern… mein Gedächtnis ist so schlecht!

„Meine Mama sagte immer, das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt.“

Jaaa! Genau!! Das ist ein wirklich weiser Spruch! ;-)

Um wieder auf die Musik zurückzukommen… Ihr konntet ja bereits schon ein paar Mal Erfahrungen mit dem deutschen Publikum sammeln. Wie sehr ist die Mentalität einzelner unterschiedlicher Nationen ausschlaggebend, wenn es um Musik geht, im Speziellen Eure?

Nun, man kann schon eine gewisse Tendenz zu bestimmtem Verhalten feststellen. Während die Finnen zum Beispiel eher ruhiger und schüchterner sind, flippen beispielsweise die Italiener vollkommen aus! Deutschland liegt da exakt in der Schnittmenge, was sehr angenehm ist… nicht zu zurückhaltend aber auch nicht zu übermütig. Wir freuen uns schon auf die Dates unserer ersten Headliner Tour in Deutschland.

Du wirkst mir aber nicht besonders schüchtern.

Als ich noch klein war, war ich sogar sehr schüchtern. Aber mit den Jahren und natürlich mit dem Job als Musiker passiert Vieles und, wie gesagt, „Shit happens“, aus Fehlern lernt man und verändert sich auch ein stückweit. Ich zeige mich also sicherlich offener als früher.

Man muß sich aber auch eine gewisse Privatsphäre gönnen und eben nicht alles der Welt zugänglich machen, oder?

Natürlich! Glaube mir, ich behalte schon de schlimmsten und beängstigendsten Dinge über mich zurück. Ich habe schon noch so manche Leiche in meinem Keller. ;-)

Ach ja? Wieviele hast Du denn?

Viele, viele! Die machen Party zuhause unter der Treppe! Ich konnte über die Jahre eine ordentliche Kollektion anhäufen. Aber ich hab sie sicher eingeschlossen, hehe!

Na hoffentlich! ;-) Werdet Ihr möglicherweise Eure früheren Werke nun nochmal mit englischen Vocals neu aufnehmen, wenn sich der große Erfolg in den kommenden Monaten festigt?

Nein, sicher nicht. „A Way Away“ wurde mit immensem Aufwand realisiert und stellt etwas ganz Eigenes dar. Die anderen Alben sind gut, so wie sie sind. Ich konzentriere mich lieber auf das nächste Album, bevor ich an Altem herumfuhrwerke und es dadurch womöglich verschlechtere. Ich habe auch immer nur für Kommendes das gewisse starke Gefühl in mir, wieder etwas Besonderes schaffen zu wollen… keine Ahnung, ob das immer richtig ist oder nicht… aber es ist eben so!

Tja, man weiß es nicht im voraus. Das Leben ist eben wie eine Schachtel Pralinen… ;-)


Band-Homepage:    www.indica.fi
Interview & Text:     Max


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