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Amorphis - Von Hufschmieden und vergessenen Songs

München, Backstage, 06.11.2009, 19:30 Uhr - die finnischen Goth-Metaller von Amorphis haben sich zwecks konzerttechnischem Stelldichein angekündigt. Nicht der schlechteste Grund, den Weg gen Süden anzutreten, um zwei der Herrn - in unserem Fall Gitarrist und Bandkopf Esa Holopainen,  sowie Keyboarder Santeri Kallio - ein wenig auf den Zahn zu fühlen.

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Amorphis - Von Hufschmieden und vergessenen Songs

München, Backstage, 06.11.2009, 19:30 Uhr - die finnischen Goth-Metaller von Amorphis haben sich zwecks konzerttechnischem Stelldichein angekündigt. Nicht der schlechteste Grund, den Weg gen Süden anzutreten, um zwei der Herrn - in unserem Fall Gitarrist und Bandkopf Esa Holopainen,  sowie Keyboarder Santeri Kallio - ein wenig auf den Zahn zu fühlen.

Eure älteren Alben wurden seinerzeit von den Fans gefeiert und konnten durch passable Verkaufszahlen überzeugen. Der große Durchbruch in Sachen Umsätze kam aber erst 2006, als der Einstieg des neuen Frontmanns Tomi Joutsen auch wieder einen kleinen Stilwechsel zu etwas härteren Sounds markierte. Wie erklärt Ihr Euch diese Tatsache, daß der Erfolg mit etwas mehr Pfeffer unter der Haube noch getoppt werden konnte?

Esa: Ich denke, daß der wichtigste Punkt tatsächlich der Einstieg von Tomi war. Er ist ein großartiger Frontmann, was live definitiv den Unterschied macht. Wir haben nach dem Release von „Eclipse“ genauso wie nach „Silent Waters“ extrem viel getourt. Das hat sicher auch viel zum Erfolg beigetragen. Bei der Stilveränderung bin ich mir nicht so sicher - das kann man auch ganz schwer einschätzen. Was uns natürlich sehr gut tut, ist, daß wir nun langsam etwas von den Mühen und Strapazen der letzten Jahre zurückzubekommen scheinen.

Eine nicht alltägliche Kooperation seid Ihr mit Nightwish‘s Marco Hielata hinsichtlich der Vocal-Arrangements und -Produktion eingegangen. Er trägt außerdem seinen Part zu den Backing-Vocals bei. Wie kam dies zustande?

Esa: Die Zusammenarbeit kam bei den Sessions zu „Eclipse“ ins Rollen, weil Tomi sich noch nicht so sicher fühlte. Es war seine allererste Plattenproduktion überhaupt - so erschien es uns das Beste, ihm einen wirklich erfahrenen Mann zur Seite zu stellen, der ihm einfach hilft. Wir kennen Marco schon seit Ewigkeiten, doch unser Management hat uns dann letztendlich auf ihn gebracht. Er ist selbst ein großartiger Sänger, der zwar einen völlig anderen Stil singt, aber über einen riesigen Erfahrungsschatz verfügt. Es war danach Tomis Entscheidung, diesen Weg weiter zu gehen, da sie sehr gut zusammen arbeiten. Wir Übrigen liefern die fertigen Instrumentaltracks ab und danach übernimmt dann das Gesangsproduktionsteam. ;-)

Santeri: Das ist immer eine echt spannende Zeit, weil wir vorher nie wissen, welche Songs dann letztendlich auf dem Album landen. Bei einigen sind wir uns vorher schon sicher, aber bei manchen Songs sind wir oft überrascht, daß die beiden an jenen und nicht anderen gearbeitet haben. Ich bin auch nie im Studio, sondern schaue dann erst beim Mixdown wieder vorbei, um zu sehen, was wir denn nun auf dem Album finden werden. :o)

Ok, das ist mal wirklich untypisch. Normalerweise kümmert sich ja der Sänger um die Lyrics und seine Gesangsgeschichten. Interessanterweise werden ja auch die Lyrics nicht von Tomi verfaßt.

Santeri: Das stimmt. Tomi hat keine wirkliche Lust darauf, Lyrics zu schreiben… noch nicht. Vielleicht kommt das noch in der Zukunft, das werden wir sehen. Die Lyrics kamen diesmal wieder von einem guten Freund von ihm.

Esa: Inhaltlich sind wir ja seit Jahren dem Kalevala zugetan, was bei uns in Finnland eine Art heimische Legendensammlung ist. Da kannst du nicht einfach Texte à la Sex & Drugs & Rock ‚n‘ Roll schreiben - das würde nun gar nicht passen. Hahaha...

Santeri: Den letzten drei Alben lag jeweils ein einzelner Charakter aus der Kalevala zugrunde - bei „Skyforger“ geht‘s um den Hufschmied, der die Welt erschaffen hat. Er erschafft alles Mögliche… die Silberbraut, Samba - eine Maschine, die Geld herstellt und so weiter. Der Text wird zuvor in Finnisch verfaßt - unser Texter hat seine ganz eigene Vision von der Umsetzung dieser Geschichten – und erst im letzten Schritt wird das Ganze dann ins Englische übersetzt.

Kannst Du mir Unwissendem die grobe Geschichte hinter dem Kalevala-Zyklus beschreiben?

Esa: Es ist eine Art finnische Odyssee. Darin sind alle möglichen Glaubensrichtungen enthalten, die von Reisenden in unser Land gebracht wurden. Es sind natürlich sehr viele Heldensagen und Geschichten über alte Götter, an die man damals so zu glauben pflegte, enthalten. Faktisch handelt es sich dabei um eine lose Sammlung von kurzen Geschichten und Legenden, die über die Jahrhunderte zuerst mündlich und regional sehr verschieden überliefert wurden. Irgendwann im 19. Jahrhundert hat sich ein finnischer Arzt mit Namen Elias Lönnrot  aufgemacht und ganz Finnland bereist, um alle Geschichten zusammenzutragen und in eine Reihenfolge zu bringen (kurz gesagt ist es das finnische Nationalepos entstanden zwischen 1835 und 1949, das aus zarten 22.795 Versen besteht! / Anm. Max ;-). Es ist eine sehr große, interessante Geschichte - solltest Du Dir auf jeden Fall mal näher ansehen...

Das heißt im Kehrschluß, daß für die nächsten Alben noch genug Textmaterial bereitstehen dürfte...

Esa: Haha! Ja, für die nächsten 20 Alben...

Santeri: Die nächsten 50 Alben...

Das macht es einfach für Euch. Ihr müßt Euch zumindest nicht jedesmal nach einem neuen Konzept umsehen. Euer Stil hat sich seit Bestehen der Band sehr stark verändert. War das eine eher zufällige Entwicklung oder stand ein großer Masterplan dahinter?

Esa: Natürlich hatten wir einen Masterplan – nicht! Hahaha. Nein, die größte Veränderung kam damals durch den Wechsel am Mikro, als Tomi zu uns stieß. Da ist es nachvollziehbar, wenn sich etwas im Sound ändert. Wir hatten auch unseren privaten Musikgeschmack weiter entwickelt. So kamen einfach viele Einflüsse von außen in die Band, die früher noch nicht existent waren.

Die Reaktionen der alten Fans waren beim „Tuonela“-Release nicht wirklich berauschend. Wie nimmt man das als Künstler war?

Esa: Es war klar, daß die alten Fans Probleme mit „Tuonela“ haben würden. Das nahmen wir aber bewußt in Kauf, weil dieses Album für uns ein extrem großer Schritt nach vorne war. Wir hatten einfach keine Lust mehr, wieder ein Album à la „Elegy“ zu machen. Für uns als Musiker war das Album wirklich wichtig, weil wir darin einige der größten Songelemente unserer Bandgeschichte umgesetzt haben. Im Gegenzug wurden durch diese Scheibe sehr viele neue Fans auf uns aufmerksam. Seit dieser Platte ist es auch jedem klar, daß sich Amorphis immer weiterentwickeln werden. Ich erinnere mich an einen Typen, der bei der Tuonela-Tour die gesamte Show mit dem Rücken zur Bühne saß. Erst, als wir „Black Winter Day“ spielten, drehte er sich um und feierte den Track ab. Naja - er hatte für einen einzigen Song gezahlt. Seine Entscheidung...

Ihr habt dieses Jahr immer in sehr guten Slots bei den größten Festivals gezockt - ich konnte Euch als Headliner beim Summer Breeze sehen.

Esa: Ja, wir haben eine Menge Festivals gespielt. Allein in Finnland waren wir auf fast allen Festivals gebucht.

Santeri: Es war ein einziges Festival, das wir zuhause nicht gespielt haben - hehe...

Esa: Das war vielleicht ein wenig zu viel! :o) Nächsten Sommer werden wir dann nicht so viele Festivals in Finnland spielen, sondern eher den Rest der Welt beglücken...

Welche Festivals stehen denn schon fest?

Esa: Es werden ziemlich viele große Events dabei sein. Das Wacken:Open:Air wäre zum Beispiel eines davon.

Santeri: Wenn alles klar geht. Wir haben noch keine feste Bestätigung, aber wir gehen schon davon aus, daß das funktionieren wird. Das würde auf jeden Fall eine sehr schöne Geschichte werden.

Bei der Menge an Shows, die Ihr spielt, liegt die Frage nach einer Live-Retrospektive - auch im Hinblick auf das 20jährige Bandjubiläum 2010 - natürlich nahe.

Esa: Wir werden eine Show in Finnland im Winter für eine DVD filmen. Außerdem arbeiten wir gerade an der Idee, eine Compilation mit alten Songs aufzunehmen, die dann Tomi neu einsingen wird. Diese beiden Themen stehen für 2010 auf dem Programm.

Natürlich werden die dann als feine Box veröffentlicht, oder? Nuclear Blast sind da ja ganz groß im Pakete schnüren. :o)

Esa: Ja, das wird sicher so kommen :-) Wir haben die Summer Breeze Show ebenfalls gefilmt. Das ist auch sehr cool geworden und ich denke, daß wir das auch irgendwie als Bonus mit verwursten werden.

Wieso habt Ihr es eigentlich in 20 Jahren noch nicht geschafft, eine Live-CD zu veröffentlichen?

Esa: Das ist seit Jahren ein Plan - nur irgendwie kam immer etwas dazwischen. Das ist ein ewiges Projekt... Aber jetzt ist die Zeit gekommen. :o)

Ihr habt Eure Karriere bei Relapse begonnen, seid dann für ein Album zu EMI gewechselt und danach direkt zu Nuclear Blast. Wieso hat die Zusammenarbeit mit der EMI nur ein Album überdauert?

Esa: Das hat aufgrund der Mühlen, die bei einem solchen Giganten mahlen, einfach nicht funktioniert. In Finnland war die Kooperation toll, aber im Rest der Welt waren wir nur eine kleine Band unter vielen. Es war sehr schwer für uns, da sich das Label lieber auf die großen Namen und deren Backkatalog konzentriert hatte, als auf unsere neue Scheibe. Die Platte wurde damals zwar veröffentlicht, aber komischerweise konnte man sie nirgends tatsächlich bekommen.

Santeri: Da gab es zig Meetings und jede Menge Gerede, aber unterm Strich ist dann doch nichts passiert...

Esa: Wir hatten dann zumindest das Glück, daß sie Verständnis hatten, als wir das Angebot eines weiteren Releases nicht annehmen wollten. Es war ein Experiment, das nicht funktioniert hatte. Nuclear Blast war dann ein logischer Schritt, da sie schon zu Relapse-Zeiten den europäischen Vertrieb übernommen hatten.

Nuclear Blast ist inzwischen das wichtigste Indie-Label der Welt geworden, falls man hier überhaupt noch von „Indie“ sprechen kann. Nahezu jede größere Metal Band ist bei NB unter Vertrag. Ist die Situation da nicht vergleichbar mit der bei einem Major?

Esa: Nein, nicht wirklich. Sie setzen unsere Veröffentlichungen immer als „High Priority Releases“ an. So bekommen wir wirklich sehr gute Unterstützung bei unseren Veröffentlichungen. So lange das so bleibt, sind wir sehr glücklich mit der Zusammenarbeit.

Es ist vielleicht noch etwas zu früh - aber gibt es schon Pläne für das nächste Album? Das lyrische Gerüst steht ja für die nächsten 20 Alben ;-)

Esa: Haha - stimmt. Inhaltlich sind wir schon fertig. Nein, fest steht noch nichts, aber es wird sicher irgendwann 2010 wieder ins Studio gehen.

Santeri: Ich gehe auch nicht davon aus, daß wir irgendwelche größeren Breaks haben werden. Es sind noch so viele Songs von den letzten Recording-Sessions übrig. Wir haben auch keine Lust, ein Jahr ohne irgendwelche Arbeit zu verbringen. Das wird die nächsten zehn Jahre nicht passieren.
Esa: Bevor wir ins Studio gingen, hatten wir um die 18 Songs fertig - am Ende waren es dann gut doppelt so viele.

Santeri: Bei „Eclipse“ hatten wir am Ende auch noch fünf Songs übrig. Dummerweise erinnert sich inzwischen keiner mehr, welche Songs das tatsächlich waren. Haha...


Band-Homepage: www.amorphis.com
Text & Interview: Ingo


 

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