Wacken : Open : Air 2010
Wacken Open Air 2010
05.08. - 08.08.2010
Wacken bei Itzehoe
8 Stages | 130 Bands | ca. 85.000 Besucher
Ticket: 150,00 EUR - SOLD OUT

Zum 21. Mal hieß es Anfang August im beschaulichen Wacken bei Hamburg wieder „Faster:Harder:Louder“ - das weltgrößte Metal-Open-Air lockte wieder zig Tausende mit einem standesgemäß gigantischen LineUp. Szene-Urgesteine wie Iron Maiden, Alice Cooper, Mötley Crüe, Anvil, Grave Digger, W.A.S.P., Raven und Slayer treffen auf moderne Helden wie Caliban, Fear Factory oder Arch Enemy. Da ist es kein Wunder, daß die offiziell verkauften 85.000 Tickets bereits Ende 2009 komplett vergriffen waren - eine Tatsache, die jeder potentielle Wackinger bei seiner künftigen Festivalplanung dringend berücksichtigen sollte, denn auch für Wacken 2011 wird das nicht anders aussehen.
Entsprechend der unglaublichen Menge an Bekannten, Freunden, Musikern, Interviewpartnern und Bands, die man unbedingt sehen wollte, geriet das Unterfangen W:O:A 2010 schon von Beginn an für Marco und mich zu einer regelrechten Hatz vom Backstage zur Bühne - zurück zum Interview - wieder zur Bühne und so weiter. Für einen Reporter allein, der gleichzeitig auch noch die Aufgabe des Fotografen ausfüllt, ist Wacken definitiv vier Nummern zu groß. Aus diesem Grund wird unser Max anno 2011 seine Wackinger-Entjungferung feiern und tatkräftig beim metallischen Treiben mitmischen.

Donnerstag, 06.08.2010
Neben all dem Trubel hatten wir glücklicherweise auch die Chance, einige großartige Auftritte mit zu erleben - und das bei absolut traumhaftem Wetter! Der zuständige Gott scheint also definitiv ein Metal-Head zu sein, da der Rest Germaniens während der gesamten Festivaldauer regelrecht abgesoffen ist. Unser Einstieg ins musikalische Geschehen erfolgte am Donnerstag um 18:00 Uhr mit dem Auftritt von Alice Cooper (ja, richtig gelesen: Um 18:00 Uhr!!!) und seiner wie immer verdammt gut aufspielenden Begleitband. Das Wetter war traumhaft zu dem Zeitpunkt, tiefstehende Sonne, wunderschön... Um diese Zeit und bei solchen Lichtverhältnissen einen Alice Cooper mit seiner Horror Show auf die Bühne zu hetzen kommt einer bösen Majestätsbeleidigung gleich. Zwar haben die Akteure auf der Bühne ihr Bestes gegeben und auch gute Resonanz beim Publikum erhalten, dennoch wäre der Gig am Freitag oder Samstag spät nachts sicherlich wesentlich geschickter plaziert gewesen. (8,0)
Wie schon bei Alice Cooper bemerkte man beim großartigen Gig von Mötley Crüe , der Glam Rock-Institution schlechthin, daß im Anschluß Iron Maiden spielten. Das Publikum honorierte den mehr als gelungenen Auftritt mit höflichem Applaus, fieberte aber leider schon komplett dem nachfolgenden Auftritt entgegen. So wurden Mötley Crüe leider genauso verheizt, wie zuvor der King of Schock-Rock. Schade, denn der Auftritt der Amis war ein echtes Highlight und für mich definitiv der beste Gig dieses Tages! (10,0)
Dieses Tages? Ja, richtig gelesen, denn der Gig von IRON MAIDEN war leider alles andere, als weltbewegend. Es wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben, weshalb die beiden Stages der sogenannten „Twin-Stage“ nicht wirklich gleich aufgebaut sind. Während man auf der „True Metal Stage“ vom Fotograben einen hervorragenden Blick auf die Bühne hat, ist die „Black Stage“ ungleich viel höher und ohnehin nur sehr schwer einzusehen. Als wäre das nicht genug, haben sich Maiden die Bühne mittels Gerüst und Bretter-Verschlag noch ein, zwei Meter nach vorne verlängern lassen, was den unschönen Nebeneffekt hatte, daß ich Nico McBrain beim besten Willen nicht ablichten konnte, weil er einfach viel zu weit hinten saß. Auch die anderen fünf Protagonisten waren nur zu sehen, wenn sie sich am äußersten Bühnenrand aufhielten... Die Laune von Fronter Bruce schien ohnehin nicht die Beste gewesen zu sein an dem Abend, auch der Rest der Band wirkte alles andere als taufrisch, doch als gleich beim ersten Song eine der angebauten Bodenplatten den Abflug machte, war‘s erstmal komplett Essig mit der Fröhlichkeit auf der Bühne. Daran allein kann es jedoch nicht gelegen haben, daß Maiden gut die erste Stunde des Gigs verschenkten, indem sie nur neue Songs der letzten Alben „A Matter Of Life And Death“ und „Dance Of Death“ spielten, was beim Publikum nicht für Begeisterungsstürme sorgte. In der zweiten Hälfte des Auftrittes wurden dann endlich die heiß ersehnten Klassiker geboten, doch da war die Euphorie im Publikum schon merklich abgekühlt. Auch die Show mit einem kurzen Eddie-Walk konnte nicht ansatzweise an frühere Gigantismen anknüpfen. Nicht wenige werden es nach diesem Tag bereut haben, Cooper und Crüe mit so wenig Begeisterung begegnet zu sein, denn beide Bands waren an diesem Abend wesentlich besser, als Iron Maiden. (6,0)

Freitag, 07.08.2010
Nach einer recht unbequemen Nacht (ich hatte wieder einmal die Isomatte zu Hause liegen lassen...) stiegen wir am Freitag schon zur unchristlichen Zeit um 11:45 Uhr mit Amorphis in unseren zweiten Festivaltag ein. Wie in Wacken üblich, stellt es für keine Band auf den Hauptbühnen einen echten Nachteil dar, schon mittags zu spielen. Es herrschte auch hier schon ein reges Treiben auf dem Gelände und Amorphis überzeugten mit einer soliden Leistung. Spielerisch gab‘s bei den Nordländern in den letzten zwanzig Jahren ohnehin selten etwas zu bemängeln, lediglich der Aktionsradius der einzelnen Musiker auf der Bühne gab hin und wieder Anlaß zur Kritik, doch auch in dem Bereich war diesmal wieder alles in Ordnung. Ein angenehmer Einstieg. (8,0)
Um 13:00 Uhr sahen wir das Fleisch gewordene Turiner Grabtuch und Israels heißesten Metal-Export Orphaned Land . Auf die ziemlich aufgesetzt wirkende Jesus-Parodie von Fronter Kobi Farhi, der barfuß und lediglich mit einem weißen Nachthemd bekleidet über die Black-Stage pathoste, hätte ich wirklich verzichten können. Dafür konnten die Israelis mit ihrer mehr als interessanten Mischung aus modernem, knackigem Metal und nahöstlich-orientalischer Folklore einen echten Akzent setzen und ganz Wacken stand Kopf bei den klasse „Heyaleyaleyaleyyyy“-Mitsing-Parts. Beeindruckend auch der Sound, der mit zur Crème des gesamten Tages zählte. (9,0)
Gleich im Anschluß stand mit Ill Niño die nächste Band auf der True-Stage, die Metal mit Folkloristischem zu vermengen weiß, nur daß diesmal lateinamerikanische Rhythmen auf der Speisekarte standen. Auch dieses Menü war mit leckerem Nu Metal delikat angerichtet und vor allem mit Percussions zu einem Gaumenschmaus für die anwesenden Schwermetall-Gourmets garniert. Die Amis hatten den Laden mit einer energetisch-schweißtreibenden Leistung auf Anhieb im Griff, wenngleich über die volle Dauer des Sets doch eine gewisse Eintönigkeit festzustellen war. Das lag sicher nicht an den verwendeten Zutaten, sondern daran, daß die versammelten Köche über die Jahre einfach zu wenig Variation in ihren Songwriting-Rezepten verwendet hatten. (6,0)

The Bosshoss mußten wir leider einem anstehenden Interview opfern, weshalb die nächste Band, die wir sahen, unsere allerliebsten Thüringer-Buam Die Apokalyptischen Reiter aus Weimar waren. Mit einem kunstvoll arrangierten Stahlkonstrukt auf dem rechts das Drumkit in luftiger Höhe plaziert wurde und links Dr. Pest zu der bekannten Schaukel noch eine hübsche Kinderrutsche spendiert bekommen hatte, um sich seine zahlreichen Spielpausen angenehm zu versüßen. Von den angebotenen Geräten wurde über den gesamten Set auch ordentlich Gebrauch gemacht. Die Reiter - oder „APR“, wie es riesig auf dem Backdrop prangte - schienen den Festival-Ausbruch aus der aktuellen Studioarbeit sehr genossen zu haben, denn energiegeladener und motivierter habe ich die Band selten erlebt - und das bei den Reitern, die eigentlich IMMER hochmotiviert am Werk sind. Entsprechend ist der Funke vom ersten Takt an übergesprungen und Wacken tickte spätestens ab dem zweiten Track „Es wird schlimmer“ vollends aus, was natürlich die Securities am meisten zu spüren bekamen: Die Masse an Crowdsurfern nahm exorbitant zu. (9,0)
Weniger extatisch, doch dafür sehr sauber und musikalisch beeindruckend geriet im Anschluß der Auftritt der amerikanisch-norwegischen Kooperation Kamelot . Die Auftritte der Band stehen und fallen schon seit jeher mit der Tagesform von Sänger Roy, der sich in den letzten Jahren jedoch mit immer konstanteren Leistungen präsentieren konnte. Diesmal schien er jedenfalls mit dem passenden Fuß aus der Koje gekrabbelt zu sein, denn der Mann lieferte so ziemlich die beste Leistung ab, die ich in zig Gigs bisher miterleben durfte. Der Sound war glasklar und druckvoll und stellte die beeindruckende Leistung aller Musiker mehr als gut dar. Die Besucher nutzten die Gelegenheit und feierten Kamelot auf herkömmliche Weise durch Mitsingen und Applaudieren ab, um sich die Kräfte für die nachfolgenden heftigeren Bands aufzusparen. Unterstützt durch eine sehr gelungene Lightshow und akzentuiert eingesetzte Pyros wurde der Auftritt zu einem echten Highlight an diesem Tag. Das war ganz großes Kino! (9,5)
Den Gig der fürchterlich überflüssigen Endstille schenkten wir uns, schließlich muß man ja auch irgendwann mal etwas futtern. Scheinbar war während des Auftrittes wieder ordentlich Crowdsurf-Wall-of-Death-Circlepit-Action im Publikum, was die Veranstalter zu der seltsamen Ansage veranlaßte, daß ab diesem Zeitpunkt solche Aktivitäten „auf Wunsch der folgenden Bands“ zu unterlassen seien. Daß diese Aussage offenbar nicht mit den „folgenden Bands“ abgestimmt worden war, zeigte sich bereits beim zweiten Song von
Arch Enemy , als es sich Angela Gassow nicht nehmen ließ, eben jene Aktionen vom Publikum zu fordern. Da muß man in Wacken erfahrungsgemäß kein zweites Mal darum bitten und flugs ging im Security-Graben die Welt unter. Wenn den Verantwortlichen mulmig aufgrund der extremen Menschenmassen wird, muß man eventuell über den Einsatz von Brechern und Besucherstrom leitenden Bauten nachdenken, doch während des laufenden Festivals das Feiern zu unterbinden und dann die Entscheidung auf die Bands schieben, ist aus meiner Sicht keine besonders sinnvolle und ehrliche Angelegenheit. Vielleicht sollte man über diesen Punkt für 2011 einmal nachdenken, denn die schier gigantische Ansammlung von Menschen ohne jede Führung hat mir diesmal selbst zeitweise ein nicht ganz so sicheres Gefühl gegeben. Auf jeden Fall ging‘s bei Arch Enemy tierisch zur Sache und die Damen und Herren auf der Bühne steigerten sich zusammen mit dem Publikum in einen extatischen Rausch. (9,0)

Normalerweise bin ich ja nicht der größte Grave Digger Fan, was eigentlich nur auf die mir oft zu extrem hinvibrierte Stimme von Chris Boltendahl zurück zu führen ist. Doch der Gig, bei dem die Band das 20. Jubiläum des Killer-Albums „Tunes Of War“ feierte, war von Anfang an als der beste einzustufen, den ich jemals von der Band gesehen habe. Schon beim Intro, das von einer gut 20köpfigen Dudelsack-Kapelle bestritten wurde, war klar, daß der Gig etwas Besonderes werden würde. Als dann Grave Digger mit tatkräftiger Unterstützung der Metal-Acappella-Meister Van Canto das gesamte „Tunes Of War“-Album zelebrierten, war klar, daß dieser Gig richtig fett werden würde. Die Meute grölte jeden einzelnen Vers begeistert mit, weshalb die Show schon fast zwingend auf DVD zweitverwertet werden muß. Kameras waren ja genug da und wer hat schon einen Chor von knapp 100.000 echten Bravehearts beim Jubiläumsgig? (8,5)
Headliner des Freitags waren wieder einmal Slayer , wenngleich ich hier nun viel lieber Mötley Crüe oder Alice Cooper gesehen hätte, weil deren Erscheinen beim W:O:A wesentlich exklusiveren Charakter gehabt hätte. So standen die weltgrößten Thrasher wie fast jedes Jahr auf der Black-Stage und knüppelten munter drauflos. Ich kann Tom, Dave, Kerry und Jeff eine durchaus saubere Leistung attestieren, doch mehr aber auch nicht. Eine Tatsache, die sicher auch durch die zu häufige Open-Air-Präsenz der Herren in den letzten Jahren begründet ist. (6,0)
Wesentlich vorfreudiger gestimmt war ich dann auf den Gig der kanadischen „Filmstars“ Anvil . Ich lege die großartige Dokumentation „Geschichte einer Freundschaft“ wirklich jedem nochmals ans Herz, denn nach dem Betrachten dieses gefühlvollen Meisterwerks versteht man vielleicht ansatzweise, was Lips durch den Kopf gehen mußte, als er in Wacken auf der Bühne stand und das Publikum mit den Worten „Wacken... This is a dream come true!“ begrüßt. Man muß diese Jungs einfach mögen und jeder, der noch aufrecht stehen konnte, zollte diesen Ikonen den späten, aber mehr als verdienten Respekt. Und so war auch um 0:45 Uhr das Gelände noch gerammelt voll und Anvil spielten glücklich grinsend einen Best Of-Set mit allen Meilensteinen der Bandgeschichte. Scheinbar hat der Film tatsächlich etwas Großes ins Rollen gebracht - zu wünschen wäre es Anvil auf jeden Fall! (8,0)
Danach war Schluß für uns: Weil wir beide am Samstag andere Verpflichtungen wahrnehmen mußten, traten wir direkt den Heimweg an und verzichteten auf den abschließenden Samstag. Etwas leichter wurde uns die Entscheidung allerdings schon durch die seltsame Verteilung aller großen Headliner auf Donnerstag und Freitag gemacht. Dennoch bleibt ein absolut positives Feedback vom W:O:A 2010, das wieder mit gigantischem LineUp, gigantischer Leistung eigentlich aller auftretender Bands und gigantisch guter Stimmung im Publikum alle Zweifel aus dem Weg räumen konnte, welches Festival unser Mekka darstellt! Wir freuen uns schon jetzt darauf, 2011 mit etwas größerer Mannschaft einzulaufen, um die Berichterstattung noch wesentlich umfassender zu gestalten - ein Schreiberling allein hat beim größten Stelldichein der Metal-Welt kaum eine Chance.
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Festival-Homepage: www.wacken.com
Text & Fotos: Ingo
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